von Uwe Bender-Muth
Was als Experiment im Dezember „zwischen den Jahren“ 2000/2001 in der Stuttgarter Zeitung begann und den im Jahr 2000 bei Ehapa veröffentlichten Band fortsetzte, ist längst Programm geworden. Wöchentlich gibt’s dort Geschichten um Nomi, der Hauptfigur des Zuckerfischs, zu lesen. Geschrieben und gezeichnet wird der Zuckerfisch von Naomi Fearn. Diese Zeitungsstrips, wie sie in den USA vor ca. 100 Jahren Einzug in die Printmedien gefunden haben, werden dann beim Zwerchfell Verlag noch einmal in Form eines Comics aufgelegt. Und wenn sich in diesem, unserem Lande, in dem es nach wie vor so etwas wie Berührungsängste mit der Neunten Kunst gibt, ein Comic in Form eines Zeitungsstrips über solch eine lange Zeit etabliert hat, ist dies nicht nur aller Ehren, sondern auch längst eine Kolumne wert.
Doch schon stoße ich beim Schreiben der Kolumne auf erste Schwierigkeiten. Seitdem der Zuckerfisch mit Band # 2 (auch Zuckerfisch mit Sahnemeerrettich genannt) von Ehapa zum kleinen, aber feinen, Zwerchfell Verlag umgezogen ist, sind den Sammelbänden wohl formulierte und inhaltsreiche Vorworte vorangestellt, so dass es schwierig ist, diesen Einleitungen noch etwas Neues hinzuzufügen. Aber nicht nur im täglichen Leben, auch in einer Kolumne darf man wenigstens versuchen, an Herausforderungen zu wachsen.
Nähern wir uns doch also dem Thema aus biologischer Sicht. Folglich stellt sich die Frage: „Was ist ein Zuckerfisch?“
Bemüht man das gute, alte wird der Zuckerfisch mit dem Silberfisch gleichgesetzt. Beim Silberfisch handelt es sich um eine in Deutschland vorkommende Karpfenart, die so wenig nahrhaft ist, dass sie in der Nordsee nicht mal im Angebot erhältlich ist. Gibt man sich dann immer noch nicht zufrieden, wird der Silberfisch noch als unerwünschter Mitbewohner bezeichnet und man soll ihn mit Tabasco bekämpfen.
Da ich aber mit diesem Rechercheergebnis vollkommen unzufrieden bin und auch keine Lust habe, Tabasco auf meine Zuckerfisch Comics zu schütten, widme ich mich doch lieber dem Kernthema.
Übersetzt in den Zeitungsstrip bedeutet „Zuckerfisch“ nämlich, dass Nomi über eine Superkraft aus einer geheimen Quelle verfügt, die sie sich jedes Mal in einen Zuckerfisch verwandeln lässt, wenn sie im Begriff ist, etwas Dummes zu tun.
Diese magische Verwandlung hat zwar in den Zeitungsstrips nun schon seit längerer Zeit nicht mehr stattgefunden, was ich auf den dem Menschen eigenen Reifeprozess zurückführe, aber das muss ja nicht heißen, dass Nomi diese Superkraft verloren hat.
Überhaupt gilt für den Zuckerfisch in jedem Fall, der in einer semifiktionalen Welt angesiedelt ist, dass „Entwicklung“ in jeder Hinsicht das wesentliche Leitthema ist. So liest man als Leser über Freundschaften, die entstehen und auch wieder aufgegeben werden, Beziehungen, die sich finden und in die Brüche gehen oder auch Zeitgeschehen, das geschickt in die Handlung eingewoben wird. Da dies jedem Leser so oder wenigstens ähnlich widerfahren sein dürfte bzw. er sich zwangsläufig mit dem Zeitgeschehen auseinandersetzen muss, fällt es leicht, sich schnell mit Handlung und Charakteren zu befassen oder gar zu identifizieren.
Unabhängig vom Thema erstaunt und verblüfft mich immer wieder die atmosphärische Dichte, die Naomi Fearn in ihrem Zuckerfisch in nur vier Panels Woche für Woche erzeugt. Da dies mit einer scheinbar spielerischen Leichtigkeit geschieht, wird man sich dessen als Leser vielleicht nicht immer bewusst. Tatsächlich verbirgt sich hinter dieser eigenen „Zuckerfisch-Atmosphäre“ eine ausgeklügelte Symbiose zwischen Zeichnungen und Text, wobei sich dem Leser die Pointe oft erst über einen T-Shirt Aufdruck, ein Plakat oder eine Hintergrundhandlung erschließt. So ist es als Leser wohl kaum nachzuvollziehen, wie viel Arbeit am Reißbrett, sprich in Naomis Studio, in diesen vier Panels steckt, um dem Leser solch eine Leichtigkeit zu vermitteln.
Typisch für den Zuckerfisch ist darüber hinaus eine feine Ironie, die subtil unterstreicht, dass man, ohne dabei belehrend zu wirken, bloß nicht alles zu ernst zu nehmen sollte. Dabei überzieht Naomi Fearn nie oder gleitet gar in die bitteren Niederungen des Sarkasmus ab, so dass sie nie jemanden erniedrigt, um sich bzw. ihren Zuckerfisch zu erhöhen. Dies allein nötigt jeden Respekt ab. Denn wem ist es noch nicht so ergangen, dass ihn ein Thema so angegangen hat, dass er nur sarkastisch oder mit einer gewissen Bitternis darauf reagieren konnte?
Selbst so „erfreuliche“ Themen wie Steuererklärungen, Erkältungen oder auch „älter werden“ werden im Zuckerfisch so aufbereitet, dass man als Leser auch hieran gerne und problemlos Vergnügen findet.
Wie es sich für einen Comic gehört, verfügt auch der Zuckerfisch über ein paar Leitthemen. Hierzu zählen zum Beispiel das Heranwachsen von Lotte, der Tochter von Nina P., das Leben als Künstlerin an sich in seiner vollen Komplexität mit allen Vor- und Nachteilen oder auch Politik. Trotz dieser notwendigen Einbeziehung gewisser Leitthemen findet Naomi Fearn immer wieder neue Perspektiven, aus denen sie eben von diesen Leitthemen erzählt und sie so in den Zuckerfisch einfließen lässt, so dass beim Leser nicht mal im Ansatz das Gefühl der Wiederholung aufkommen kann, da sie ja auch faktisch nicht stattfindet. Darüber hinaus findet Naomi Fearn natürlich auch immer wieder neue Themen, die das Spektrum des Zuckerfischs permanent erweitern. Und schon sind wir wieder beim zentralen Thema „Entwicklung“.
Begleitet wird Nomi von ihren beiden Hasen, Hase und Steffen, die eine schwule Beziehung führen. Besonders Hase, der auch reden kann, steht immer wieder für einen kritischen Geist, der Nomis Ansichten oder Handlungen fast schon wie ein advocatus diaboli hinterfragt, aber auch die Verbindung zwischen Realität und Fiktion versinnbildlicht.
So haben sich nicht nur die Figuren des Zuckerfischs im Laufe der Zeit weiterentwickelt, sondern auch die Erzähltechnik, die an Präzision und Timing, insbesondere beim Setzen von Cliffhanger, gewonnen hat, sowie der Zeichenstil, der klarer geworden ist.
Den ersten Zuckerfisch habe ich mir anlässlich eines Signiertermins des Zwerchfellsverlags in meinem Stammladen im Terminal Entertainment in Frankfurt/Main am Free Comic Book Day im Mai 2006 auf Empfehlung Ekkis gekauft. Gleich am Sonntag habe ich ihn mir durchgelesen. Und nach der Lektüre dieses Bandes habe ich es bereut, mir nicht auch die anderen Bände mitgenommen zu haben.
So verfügt der Zuckerfisch über ein gewisses Suchtpotential und ist längst fester Bestandteil meines Lese-Portfolios geworden.
So, Schluss! Muss jetzt ins Internet und auf www.zuckerfisch.de den neuen Zuckerfisch lesen.
Bisher erschienen:
Zuckerfisch (Ehapa Comic Collection)
Zuckerfisch # 2 – mit Sahnemeerrettich (Zwerchfell Verlag)
Zuckerfisch # 3 – in Marinade (Zwerchfell Verlag)
Zuckerfisch # 4 – im eigenen Saft (Zwerchfell Verlag)
Zuckerfisch # 5 – Auf die Hand (Zwerchfell Verlag)
Zu guter Letzt möchte ich mich an dieser Stelle für die „Goldene Sprechblase“ bedanken. Es mag seltsam anmuten, wenn man einen Preis auf der Homepage verliehen bekommt, auf der die eigene Kolumne veröffentlicht wird, aber dieser Preis hat mich vollkommen überrascht. Ich nehme ihn als Ansporn, aber auch als Verpflichtung, auch in diesem Jahr an dieser Stelle zu unterhalten.
Nächste Folge: Joe Michael Straczynski bei Spider-Man (auf der PFP)
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